Schulöffnungen- die Mär von der plötzlich gefährdeten Bildung - Kommentar

Covid 19: Schulöffnungen – ohne impfen. Gastronomie bleibt zu, aber Kinder in einem Raum – die Mär von der plötzlich gefährdeten Bildung - Kommentar

Von Jo Achim Geschke

Fürsorge fürs Kind bei Äffin auf Gibraltar-Felsen / Foto Archiv  © Jo Achim Geschke
Schule, Präsenz, LehrerInnen - Gedanken

Fürsorge fürs Kind bei Äffin auf Gibraltar-Felsen / Foto Archiv © Jo Achim Geschke

Wohl selten hat sich Staatsversagen, Ministeriumsversagen, Versagen der deutschen Bürokratie so deutlich gezeigt wie jetzt am Beispiel der Schulen und deren beginnende Öffnungen. Öffnen nach Ideologie und gegen die Wissenschaft. Denn keineswegs rücken Wissenschaft und Politik endlich mehr zusammen: Aktuell organisieren Politik und Ministerien die Schulen gegen den Rat der Wissenschaft. Die Warnung der Virologen und Epidemiologen vor einer dritten Welle und den gefährlichen, weil hoch ansteckenden Mutationen, werden arrogant ignoriert. Was passiert, wenn man auf engem Raum mit wenig Durchlüftungsmöglichkeiten mit 15 bis 25 Menschen sitzt? Genau, die Gefahr, sich mit einer lebensgefährlichen Lungenkrankheit anzustecken, ist sehr hoch.

Würden Sie diese Gefahr für ihre Ehepartner*innen, ihre Partner*innen eingehen? Würde eine Mutter das Risiko für ihre Kinder eingehen ? Nicht bei klarem Verstand, denke ich zugunsten unserer Leser*innen. 

Ich frage mich langsam, woher dieses Narrativ stammt, dass wir (welches „wir“ ?) jetzt mehr für die Bildung unserer Kinder tun müssen, weil diese Bildung gefährdet sei. Gefährdet ist vor allem die Gesundheit. Selbst viele ernsthafte Journalist*innen fallen, auch beim WDR Fernsehen, darauf herein. Leute! Wir haben jahrzehntelang die Bildung für unsere Kinder so vernachlässigt, dass sie jetzt in alten maroden Schulen sitzen, mit Lehrmitteln, die völlig überholt sind, und Internetleitungen, die auf Platz 18 von 19 in einem internationalen Länderranking stehen. Wahrscheinlich hat eine von Wirtschaftsverbänden teuer bezahlte Lobby-Agentur Artikel rumgeschickt, passiert ja oft. Jetzt plötzlich soll die Bildung unserer Kinder gefördert werden?

Der Anteil der Bildungsausgaben am Brutto Inlands Produkt BIP ist in Deutschland vergleichsweise niedrig, lag 2017 bei 4,2 %, darüber liegen Frankreich, Kanada, USA, England, Neuseeland (6,3 % ) und Norwegen (6,7 % ).  (Weniger geben Italien, Japan und Russland aus.) Da sind aber auch Hochschulen und Jugendeinrichtungen mit drin. 

Anteil der Bildungsausgaben am BIP des Landes 2017 (in %)

Seit 1995 lagen die Ausgaben nur für Schulen bei 2,3 % des BIP, dann jährlich immer zwischen 2,1 und 2,3 %  des BIP, haben sich also nicht vergrößert, trotz der gestiegenen (weltweiten) Anforderungen (Zahlen bis 2018). 

In Frankreich können Eltern online abrufen, welchen Unterricht (Stundenplan) ihre Kinder haben, welche Aufgaben ihnen gegeben wurden, wie sich ihre Kinder im Unterricht verbessert haben etc … alles auf der schulischen Seite für Eltern sofort und täglich zur Verfügung – Science Fiction für deutsche Eltern … Es gibt zum Beispiel fast keine Lehrmittel für einen praktikablen Onlineunterrricht von deutschen Lehrbuchverlagen – den gibt es aber in der Schweiz. 

Wie ernst es beispielweise der Landessregierung, der FDP und der sogenannten Schulministerin Yvonne Gebauer FDP mit der Bildung unserer Kinder ist, und wie viel Ahnung ihre Ministerialbeamten haben, sieht man ja: Gebauer hat ernsthaft für 2,6 Millionen Euro (damit könnte man manche Schule renovieren) das Brockhaus Online Lexikon für Schulen eingekauft. Die Lachsalven hallen bundesweit noch immer nach.  

Da werden Schüler*innen Apple Tablets angeboten, damit sie sich für ihre Leistungskurse und Grundkurse online anmelden können. Leider funktionieren die Anmeldungen für ihre Kurse nur über Windows (in Deutschland muss man glaube ich dazuschreiben: Das läuft auf Apple so nicht). Eine Mutter teilt uns das mit einem Smiley mit, dessen Übersetzung nicht facebook-kompatibel ist.

Lehrer*innen bereiten ihren Unterricht für die Woche am Sonntag vor, das ist ganz normal. Das Landesprogramm für die Lehrer*innen, dass sie dabei auch brauchen, hat aber am Sonntag (wiederholt ! ) Wartungsarbeiten - tagsüber.

Also: Das Argument, wir müssen für die gefährdete Bildung unserer Kinder die Schulen öffnen, ist Ideologie. Wohl von hochbezahlten Lobby-Agenturen werbemäßig verbreitet, es wäre aber seit mehr als 50 Jahren das erste Mal, dass „wir“, also die politisch-ministerialen Organisationen, wirklich etwas für die Bildung „unserer“ Kinder tun.  

Die Öffnungsideologie ist geschuldet wohl eher einer Wirtschaft des Mittelstands (bekanntlich bis 500 Mitarbeiter*innen) und großen Unternehmen und Beraterunternehmen, damit die dort arbeitenden allein Erziehenden und Eltern schaffen können. Und als Vorbereitung einer allgemeinen Öffnung auch des Einzelhandels, denn schließlich sind bald Wahlen … 

Abgesichert durch wissenschaftliche Erkenntnisse sind die Öffnungen sicherlich nicht - denn die ernsthaften Wissenschaftler verweisen zum einen auf steigende Infektionszahlen und auf die in ihren Folgen sehr gefährlichen Mutationen, etwa der Variante B 117 des Virus. Diese Mutation macht in Düsseldorf, wo dankenswerter weise von der Uniklinik alle positiven Tests auf die britische Mutation untersucht werden, schon rund die Hälfte aller Infektionen mit Sars CoV 2 aus. 

Politische Entscheider, also auch Ministerialbeamte*innen, riskieren also dass sich Kinder, Jugendliche und Lehrer*innen in den Klassenräumen mit Sars CoV 2 oder seinen Mutationen wie B117 anstecken – einer Infektion, die tödlich ausgehen kann. 

 In Gaststätten, Restaurants ist das Risiko für eine Öffnung wohl noch zu hoch, auch im Einzelhandel gilt noch eine Beschränkung. In Düsseldorf riskiert ein Bußgeld, wer mit zu vielen Menschen zusammensteht. In Klassen mit Kindern ist das offenbar machbar. Im Landtag sitzen Politiker*innen und Minister*innen getrennt zwischen Plexi-Scheiben, tragen Masken … Wenn Abschlussklassen in die Schule geholt werden, sitzen da mindestens 15 junge Menschen ohne Trennscheiben in zu kleinen Räumen.  

Wir leben in Zeiten einer todbringenden Pandemie, Schüler*innen sind nicht geimpft,  Lehrer*innen sind noch nicht geimpft, aber die Exekutive will sie in einen Raum packen …  

Dazu kommt noch eine Gefahr: Ich habe 1971 in der Uniklinik gearbeitet, weil ich damals Medizin studieren wollte (unter anderem 4 Wochen im OP Urologie, das ging damals noch ). Es gab da eine besondere Art, flapsig zu formulieren. Man benennt Krankheit anders, oder das Elend - für die dort Arbeitenden schafft es in etwa Distanz, die nötig ist, um die Härten besser zu ertragen.  

Wenn heute immer wieder nur von Inzidenz, von Covid 19, von Abstand etc die Rede ist, dann wird die Lungenkrankheit fast abstrakt. Es ist eine Zahl auf dem Fernsehbildschirm, eine Inzidenz , aber wer nicht auf einer Intensivstation gearbeitet hat oder zumindest mal nah zusehen durfte, für den ist dieser Kampf ums Atmen, das Ringen nach Sauerstoff, dieser Kampf mit dem Tod – ein Bild, ein Stück Film. Das schafft nötige Distanz, um nicht in der Angst unterzugehen, um nicht zu verzweifeln, aber es schafft leider auch Distanz dazu, dass wir es mit einer zu oft tödlichen Krankheit zu tun haben. Da sterben Menschen.  

Und das ist das „Risiko“ von dem wir hier reden, wenn wir sagen, dass Schulöffnungen etwas zu tun haben mit dem Risiko, sich mit Sars CoV 2 anzustecken in den Klassen. Auch junge Menschen. Und die sind vielleicht sogar in der Gefahr, viele Jahre oder ein Leben lang unter Long Covid zu leiden, unter den Folgekrankheiten nach dieser schweren Infektion.