12.10.2020
Mutter Courage und ihre Kinder - Premiere Schauspielhaus

Mutter Courage zwischen Schnee und Corona-Plexiglas – Brecht mit Rosa Enskat und tollem Ensemble im Schauspielhaus

Mutter Courage, v.li. Rainer Philippi, Henning Flüsloh, Jonas Friedrich Leonhardi, Lea Ruckpaul, Rosa Enskat, Cathleen Baumann, Markus Danzeisen / Foto © Sandra Then D Haus

Lea Ruckpaul, sagt Lea Ruckpaul leise, „spielt die Tochter Kattrin… Rosa Enskat spielt die Mutter Courage“, sagt sie, und stellt so nach und nach alle Schauspieler_innen vor, die sich auf der Drehbühne im Kreis drehen: Episches Theater mit der Distanz zur Rolle für „Mutter Courage und ihre Kinder“ im Schauspielhaus. „Mut“, steht auf der Projektion im Hintergrund gleich zu Anfang, „Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält. „politischer Mut“. Im Schauspielhaus kommt mit einem hervorragenden Ensemble Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ mit einer Courage von Rosa Enskat, die endlich mal richtig zeigen darf, was sie kann, auf die Bühne mit einer bunten, jetzt-zeitigen Aufführung unter der Regie von Sebastian Baumgarten

Man kennt das Stück ja, aus der Schule, den Brecht, aber hier, hier springt es einen an. In den Netzen und im Fernsehen  gerade noch die Bilder und Meldungen aus Berg Karabach, Armenien, Aserbaidschan … und hier die Kerzen, die die Schauspieler_innen anzünden, die Mahnwache inmitten des Kreises aus Schnee.

Sie stapfen durch diesen Schnee, die Mutter Courage mit ihren beiden Söhnen und der stummen Tochter, „Qualunque cosa“ steht auf dem Wagen, alles mögliche oder auch schlicht: alles. Es ist 1624 und der lange Krieg in Europa. Nicht der Krieg, der 1939 begann, als Brecht das Stück schrieb,  sondern der 30-Jährige. Der Millionen das Leben kostete und Europa verwüstete.

Ich war im Krieg, ein Glaubenskrieg, sagt später der Soldat, und gleich dazu der Priester mit dem Kreuz, der Feldprediger/ Rainer Philippi (hervorragend wie immer) „das verzeihe ich Dir sofort …“

Die Bühne von Alexander Wolf  nimmt Brechts epische Distanz ernst, es ist ein Kreis auf einer sich drehenden Bühne, auf der die 12 Bilder des Stückes abrollen. Manchmal treten die Schauspieler_innen von der drehenden Bühne weg nach vorne, aus der Aufführungen heraus im Sinne des epischen, und Rosa Enskat etwa singt eines der Lieder des Stücks, „Wach auf, du Christ! /Der Schnee schmilzt weg. /Die Toten ruhen. /Und was noch nicht gestorben ist,/
Das macht sich auf die Socken nun.“

Später wird die Courage wieder im Zwiespalt sein zwischen Geschäft, dass der  Krieg möglich macht, und der Familie, wieder bei der Frage, mach ich jetzt Geschäfte, oder bewahre ich meine Söhne, meine Tochter vor dem Leid und dem Tod.

„Sie wollen keinen Frieden, weil sie Gewinne machen wollen,“ heißt es einmal bei der geschäftstüchtigen Marketenderin. Der Krieg ist Geschäft, und : „Ich lass mir den Krieg doch nicht madig machen von Euch.“ Mutter Courage, bei Enskat ganz Geschäftsfrau, aber eben nicht ganz ohne Familiensinn, freut sich eben auch, dass es keinen Frieden gibt, „Ha, der Frieden ist schon wieder aus. Gottseidank, die Waren sind noch nicht verkauft…“ Der Kapitalismus wird durch den Krieg immer wieder lebendig gehalten.

Und auch die Liebe unterliegt dem Kapitalismus, die Yvette Pottier / Cathleen Baumann zeigts. Übrig bleibt die Ware, die Hure und die roten Pumps, die die junge stumme Kattrin/ Ruckpaul so schön findet … Der Feldprediger / Rainer Philippi trägt irgendwann einen Mantel aus durchsichtigem Kunststoff, der ausgestopft ist mit Prospekten der hübsch-hässlichen heutigen Waren- und Werbewelt.  

Enskat/Courage und der Koch / Wolfgang Michalik schlagen dann den Bogen zur Jetztzeit und damit zu den vielen Menschen mit und ohne Maske im Publikum: Getrennt von einem Corona-Plexiglasschild bringen sie eine komödiantische, pantomimische und trotz Trennscheibe eindeutige Liebesszene dar.

Aber Enskat/ Mutter Courage wird sich dann vom Koch doch nicht auf die Gewinninteressen reduzieren und will nun die Tochter nicht verlassen. Ihre beiden Söhne sind schon tot, hängen in der Höhe über ihr.

Der Mensch schließlich reduziert auf die Nacktheit, die nackte Haut, wenn auch im hautfarbenen Kostüm. Der Mensch, der manisch den Karren der kleinen Warenwelt ziehend, das „alles mögliche“, zum nächsten Geschäft ziehend, auch in die Katastophe. Zugelassen sind Waren-Beziehungen…

Kattrin, die stumme Tochter, Kattrin / Lea Ruckpaul steht am Ende in einer starken Szene da mit der Trommel, auf rosa-metallic Rollschuhen, mit der Trommel, deren Lärm im Stück Leben rettet, und zitiert: „Der Mensch ist ein Seil über dem Abgrund … Der Mensch  ist etwas, das überwunden werden muss.“ Ein Nietzsche-Zitat, also sprach Zarathustra. Brechts  Stück entstand 1939,  kurz bevor Hitler den Krieg in Europa begann, der Millionen das Leben kostete und Europa verwüstete…  

Den Schluss hätte Regisseur Sebasstian Baumgarten vielleicht besser nach dem Monolog von Kattrin/  Lea Ruckpaul gesetzt. Obwohl es schon sehenswert ist, wie dann zu Disco-Klängen  Rosa Enskat schließlich als Disco-Queen tanzt.

Zum langen Applaus und verdientem Jubel kommen die Schauspieler_innen teils mit den Rollschuhen in gehörigem Corona-Abstand auf die Bühne.

(Autor Jo Achim Geschke)

Karten und weitere Aufführungen unter

www.dhaus.de

Bemerkungen zum Theater in Corona-Zeiten

Die Zuschauer_innen tragen im Haus Masken, das ist Pflicht, zudem bittet das Haus, die Masken während der Aufführungen weiter zu tragen.

Es ist nur jede zweite Reihe besetzt, zudem gibt es zwischen den Zuschauer_innen immer einen Sitz Abstand. Es gibt weiterhin die sehr guten Programmhefte, die kostenlos angeboten werden. Es soll Abstand gehalten werden.

Die Aufführungen dauern alle zwei Stunden ohne Pause.

Wir finden, das Schausspielhaus hat das Dilemma hervorragend gelöst.