26.07.2020
Geisel zu Farid Bang und Rücknahme des Videos – Kommentar

Nachdenken und Einsicht ist auch eine gute Eigenschaft: Thomas Geisel ist bereit, das Rapper-Video aus dem Netz zu nehmen - die Kritik ist aber oft zu kurz gedacht - KOMMENTAR

Thomas Geisel amtierender OB , Portrait/ Foto © Jo Achim Geschke

Wenn Politiker Einsicht zeigen und klar sagen: Da habe ich mich geirrt, dann zeigt das Charakter und schafft mehr Vertrauen in die Demokratie als schwache Polemiken. Der amtierende OB Thomas Geisel hat in einem Brief klargestellt, dass er mit dem Video von Farid Bang wohl einen Fehler gemacht habe. Geisel bezieht sich dabei auf die frauenverachtenden, sexistischen und homophoben Formulierungen des Rappers. Er werde die Fraktionsspitzen der demokratischen Parteien einladen, und wenn die es wollten, werde er das Video vom Netz nehmen lassen. Da von CDU, Grünen, der Linken und FDP bereits Kritik kam, ist die Entscheidung klar. Meldungen, dass der „Rat“ das entscheiden solle oder dass die SPD sich von Geisel distanziere, waren allerdings falsch.

 SPD Vorsitzender Andreas Rimkus MdB und SPD-Fraktionssprecher Markus Raub hatten ihre Meinung differenziert dargestellt: Die zumeist Jugendlichen an der Burgplatz-Treppe und in der Altstadt mit ihnen näher liegenden Mitteln anzusprechen, sei ein Versuch wert. Den Rapper Farid Bang dazu zu nehmen, hätten sie allerdings abgelehnt. Rimkus und Raub betonen aber, dass sie hinter OB Geisel stehen. SPD-Vorsitzender Rimkus hat darauf hingewiesen, dass unter Thomas Geisel zum ersten Mal die Regenbogenfahne am Rathaus gehisst wurde, dass Geisel oft bei Terminen der Queeren Gemeinde anwesend war. Geisel war zudem als OB bei vielen Demonstrationen gegen Rassismus und Antisemitismus. Geisel selbst hatte bereits darauf verwiesen, dass er  mit der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf Missverständnisse ausgeräumt habe.

Geisel hatte gewollt, dass der Rapper die Zielgruppe erreicht, „denen die Einhaltung der Corona-Regeln in den letzten Wochen ganz offenbar nicht mehr so wichtig war.“ Ihm gehe es nicht nur um den Infektionsschutz, der im dichten Gedränge an der Freitreppe und an der Rheinuferpromenade nicht mehr vorhanden sei. Zunehmend werde das Mannesmannufer aber auch von Autoposern mit laut dröhnenden Motoren unwirtlich gemacht.

Das ist am vergangenen Freitag allerdings, nach heftigen Beschwerden von Anwohner_innen, schon mal unterbunden worden: Das Mannesmannufer wurde abgesperrt, nur Anrainer durften noch dort hineinfahren.

Die Kritik, die Geisel entgegendröhnt, ist teilweise unüberlegt. CDU-Kandidat Stefan Keller etwa war Ordnungsdezernent der Stadt, bevor er nach Köln ging. In der Düsseldorfer Zeit wurde unter seiner Leitung das Geld für den Ordnungsdienst OSD gekürzt und weniger Personal eingestellt. Da jetzt nach Law and Order zu rufen ist eben Wahlkampfpolemik.

Zu kurz gedacht

Unbedacht und teils dem Wahlkampf geschuldet  ist aber so einiges in der Diskussion um die jungen Leute am Rheinufer: Die Autoposer benutzen dicke Maschinen, etwa von AMG getunte Mercedes mit großen Motoren, auch Audi R 8 sind bei den Posern beliebt – das sind Autos, deren Preise leicht in sechsstelligen Bereich gehen. Rund 110.000 Euro etwa  können sich aber junge Männer „mit Migrationshintergrund“ nicht leisten.

Das Phänomen, dass Testosteron gesteuerte  junge Männer randalieren, Polizisten angreifen, sich nicht an Regeln halten, haben wir allerdings auch bei Fußballspielen zur Genüge erleben müssen. Jetzt gibt es keine Randale in Stadien mehr, die hohe Euro-Beträge für Polizeieinsätze verschlungen haben. In Corona-Zeiten stehen viele nun eben am Burgplatz.

Dazu kommt, dass junge Männer oft eine gewissen Chancenlosigkeit erleben, vor allem, wenn sie schwarz sind oder „südländisches Aussehen“ haben, wie die unsägliche offizielle Beschreibung lautet.  Wer wegen seines Aussehens, seines „Migrationshintergrunds“ nicht in eine Diskothek eingelassen wird (das gibt’s immer noch, ja !), der lässt seinen Frust vielleicht eher an der falschen Ecke raus.

Sozialarbeiter, die nachts auf die Straße gehen und mit der Klientel am Burgplatz reden, sind da vielleicht eher ein Lösungsansatz. Oder Youtuber, die auf ihren Kanälen zur Ordnung aufrufen. Denn vielleicht sollten wir alle die (durchaus zu kritisierenden) Auswüchse  nicht zu hoch hängen in Corona-Zeiten: Es hat auch früher auf der „Ratinger“ zu Punk-Zeiten Flaschenwürfe gegen Autos gegeben. Und dass Düsseldorfer_innen seit vielen Jahren die Altstadt als Vergnügungsviertel meiden, lag in früheren Jahren auch an den miesen Kneipen und dem Pommesbuden-Flair, in den letzten Jahren haben die laut grölenden „Junggesellen-Abschiede“ viele Abschied von der Altstadt nehmen lassen. Inzwischen gibt es aber durchaus wieder einige angenehme Altstadtkneipen.

Ein Argument, das des öfteren in der Diskussion auftauchte, kann auch nicht unwidersprochen bleiben: Farid Bang sei doch eine „Kunstfigur“, und die Wortwahl gehöre zum Gangsta-Rap. Das ist auch zu kurz gedacht. Helene Fischer ist, wenn sie auf der Bühne steht, auch eine Kunstfigur. Aber ihre Liedtexte verherrlichen eben nicht Gewalt gegen Frauen und Erniedrigung. Und wer das verherrlicht (da ist „Herr“ drin), hat eben eine Auswirkung in der Gesellschaft, die sich gegen unsere Werte der Humanität wendet.  Insofern kann mann durchaus überlegen, ob es sich bei dieser Art der Rapper-Kultur noch um Kultur handelt. Das gewaltverherrlichende Sprache vielleicht doch nicht zur Kultur gehört, und keine Kunst ist, darüber kann jeder/ jede bei Adorno nachlesen, etwa in „Minima Moralia“.  

Und noch ein Wort zum wissenschaftlichen Hintergrund der Debatte: Bereits in den 80er Jahren hat der amerikanische Kultursoziologe und Sozialwissenschaftler  Richard Sennet („Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“, 1977 oder „Der flexible Mensch, 1998) auf eine Entwicklung hingewiesen, die auch wir in Deutschland kennen: Menschen, die in einem eher anonymen Arbeitsumfeld leben, die in einem „hire and fire“ System der „New Economy“ arbeiten, haben immer weniger Bezug zu ihrer Stadt, am ehesten noch zu ihrem Viertel, ihrem Quartier. In Deutschland konnte man das gut beobachten: Das Interesse an gesamtstädtischen Entwicklungen nahm ab, Partialinteressen nahmen zu, etwa Proteste gegen Veränderungen auf der Straße vor der eigenen Haustür (Parkplätze erhalten statt Bäume pflanzen oder Bäume erhalten statt Azubi-Wohnheim bauen lassen etc.)  …

Bei den jüngeren Menschen dreht sich das gerade – etwa beim Engagement für den Klimaschutz oder dem Einsatz in der praktischen Kommunalpolitik.

(Autor Jo Achim Geschke)